Donnerstag, 6. Dezember 2012

Fünf aus zwei von 10x10


Ich bekomme manchmal Anfragen, nicht so oft, wie ich es mir wünschen würde, aber doch von Zeit zu Zeit. Menschen, die ich kenne, machen kleine oder große Projekte, haben bekloppte oder weniger bekloppte Ideen. 
In diesen Fall wollte jemand, den ich kenne, das Decamerone aktualisieren, es sollte ein Film werden, in dem wiederum diese neu erzählten Geschichten erzählt werden würden. Ich sollte eine dieser Geschichten aktualisieren, ich entschied mich für die fünfte Geschichte des zweiten Tages, ich weiß nicht mehr warum, aber die sagte mir am meisten zu. Ich glaube, ich fand die Lebensgefahr gut. 

Ganz ehrlich gesagt: Es ist nicht meine beste Geschichte, und ich hätte mich, glaube ich, mehr von der Vorlage lösen sollen. Überhaupt ist Rucksacktouristenprosa ein eher kritisches Genre.

Ich weiß auch nicht ganz genau, was aus dem Filmprojekt dazu geworden ist. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass der Film irgendwo dort draußen existiert, und dass ich ihn auch mal zu sehen bekomme. 




Fünfte Geschichte
In der ein unerfahrener Rucksacktourist behauptet, dreimal in einer Nacht in Lebensgefahr geraten zu sein, am Ende aber mehr bekommt, als er wollte.

Party like it's 1349. Bild von hier.
Ich weiß nicht mehr, wie alt wir waren, auf jeden Fall waren wir jung: Wir wollten nichts als uns abschießen. Es war nicht unsere erste Reise, aber die erste Richtige: Wir hatten das Übliche hinter uns, Saufen in der Ukraine, Kiffen in Holland, solche Dinge. Würde man mich heute fragen, ich würde sagen, wir waren naiv: Wir waren einfach losgeflogen, soweit nach Süden und so billig wie möglich. Es ist in Palermo kein Problem an Drogen zu kommen: Ganz Sizilien liegt ja nur einen Steinwurf entfernt von Nordafrika, im Grunde ist Palermo eine afrikanische Stadt. Wir wollten nichts exotisches, wir wollten nur zwei, drei Joints rauchen, vielleicht einen billigen Rotwein dazu trinken, uns vielleicht auf Kirchenstufen legen und die Logik hinter den Lichtern zu erkennen. Wir stellten unsere Rucksäcke im Zimmer ab, Andre steckte ein paar Scheine in die Tasche, und wir versprachen der Wirtin – einer ausladenden Witwe mit Marienschrein in der jeder Ecke des Hauses - morgen zum Frühstück zu erscheinen.


Die Gassen in Palermo saugen einen ein: Kleine, verwinkelte schwarze Wurmlöcher, die einen immer zwar wieder raus lassen, aber immer ganz woanders. Wir entdeckten eine Gegend, in der, obwohl es schon nach zehn war, alle Geschäfte noch offen hatten, und nichts verkauften als Küchengeräte aus Edelstahl, in denen sich die Lichter der Kirchen an den Straßenecken und der Kirchen spiegelten. Palermo feierte ein Kirchenfest: Die Kirchen quollen über vor Lichtschläuchen, die Stadt roch nach alten Matratzen, vergammeltem Obst, von den Märkten übrig geblieben, billigem sizilianischem Wein, den die Zuschauer der Parade auf der Straße gelassen hatten.
Zwei, drei Gassen weiter fanden wir die Drogendealerstraße. Ich überließ es Andre zu verhandeln, ich stand im Hintergrund und sah zu, wie er sein Geld herausholte, damit vor der Nase des Dealers wedelte, der wiederum ein Päckchen herausholte, und damit vor Andres Nase herumwedelte, Andre roch, drückte an der Plastiktüte herum, prüfte die Konsistenz, und kaufte dann doch nicht. Ich weiß nicht mehr, wie oft das passierte, dreimal, viermal, immer wieder streckte Andre sein Geld wieder in die Tasche, kam zu mir zurück, redete etwas davon, dass das alles Dreck sei, und schlug nach dem letzten Versuch vor, was trinken zu gehen.
Das ist der Punkt, an dem mein Erzählung unzuverlässig werden muss: Ich würde gerne etwas erzählen, von dem ich weiß, dass es wahr ist, aber im Grunde bin ich ein langweiliger Mensch. Mir passieren solche Sachen nicht. Damit geht es los: Ich weiß nicht mehr, wie wir die Bar fanden, Andre schien, nachdem er die Idee gehabt hatte, einer Witterung zu folgen, einem Geruch aus Erdnüssen, Bier und Rotwein, der durch die Straßen zog. Aber das ist nur eine Vermutung. Genauso unerklärlich ist mir – vorausgesetzt, was Andre mir am nächsten Morgen erzählte, stimmt - wie die Frau uns folgen konnte: Die einzigen Schritte, die durch die Gassen hallten, waren unsere, das weiß ich noch genau, an doppelte Echos hätte ich mich erinnert. Sie muss uns aber gefolgt sein: Anders hätte sie kaum wissen können, wieviel Geld Andre mit sich herumtrug.
Ich sprach nicht mit ihr, ich weiß nicht, was sie zu Andre sagte: ich sah ihn nur halb durch den verrauchten Raum, und sie von hinten, zusammengebundenes, schwarzes Haar und Jeans, die die hinten Löcher hatten. Ich bestellte Bier. Andre sah zu mir, lachte, und hob den Daumen. Dann legte er ihr den Arm um die Schulter, und sie gingen. Ich sah Andre erst am nächsten Morgen wieder. Er war ramponiert: Er hatte keine Hose an, und sein Tshirt hatte ein großes Loch am Rücken, wo er, wie er mir erzählte, am Rand der Gruft entlanggeschrabbt war. Er stank nach vergammeltem Wasser. Das wird, sagte er, vom Hafen sein. Und die Hose, sagte er, liegt sicher noch bei Caligureta, und lachte.
Caligureta, stellte sich heraus, war die dunkelhaarige, die Andre, wie er sich ausdrückte, abgeschleppt hatte. Ich hatte sie kaum von vorne gesehen, und auch nur durch einen Schleier von Kneipenrauch und mindestens drei Bier, aber Andre erzählte etwas von einem feingeschnittenen Gesicht, bemerkenswert für ihn, normalerweise benutzte er, um Frauen zu beschreiben, Worte wie: Schnalle. Oder: Fahrgestell. Seine Beschreibung von Caligureta wanderte tiefer: Brüste, Bauch, Beine, das alles belegte er mit unsinnigen Adjektiven, die er mal irgendwo gelesen hatte. Ihr Schamhaar beschrieb er als buschig, aber doch sortiert. Sie hatte ihn, sagte er, rangelassen, nachdem sie ihn durch tausend enge, kleine Gassen gezogen hatte, deren Namen er sich nicht merken konnte, er konnte sich auch den Weg nicht merken, er wollte auch gar nicht: Ich dachte, sagte er, nur an das, was wir bei ihr machen würden. Sie waren weit gekommen: Er war gerade, sagte Andre, mit der Hand in ihrem String angekommen, da war es vorbei.
Andre weigerte sich, an einen Plan zu glauben, einen Plan, sagte er, kann man nicht so perfekt timen. Jedenfalls klopfte Caliguretas Mutter an die Tür. Ich habe sie kaum gesehen, sagte Andre, sie war nur ein verwischter Matronenschatten irgendwo am Rand meines Gesichts, während ich versucht habe, in meine Klamotten zu springen und Caligureta versuchte, mich aus dem Fenster zu schubsen. In seine Hose schaffte Andre es nicht mehr, Caliguretas Mutter goss einen Schwall sizilianischer Schimpfworte über ihm und ihrer Tochter aus, die wiederum versuchte, ihre Mutter davon abzuhalten, Andre zu verprügeln. Ich hielt es, sagte Andre, für das beste , zu verschwinden. So laut, wie die war, hätte die mich wahrscheinlich umgebracht. Er lachte. Natürlich war das eine bekloppte Idee, sagte Andre, er merkte es, als er unten auf der Straße war: Ich hatte keine Hose, sagte er, ich hatte kein Geld, ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Aus Caliguretas Fenster kamen immer noch die schreienden Stimmen zweier Frauen. Also, sagte Andre, zog ich los. Es war spät mittlerweile, es musste schon längst über zwei Uhr nachts hinaus sein, und das Viertel, in dem Andre war, war menschenleer, nur hin und wieder tauchte auf einem kleinen Platz eine Kirche auf, deren Lichtschläuche für niemanden blinkten als für Andre, der immer verzweifelter willkürlich in irgendwelche Richtungen abbog, solange, bis er die Orientierung komplett verloren hatte. Dann, sagte Andre, merkte ich, dass ich verfolgt wurde. Seine Schritte hallten in den Gassen, und der Hall seiner Schritte wurde gedoppelt, vielleicht verdreifacht, so genau konnte Andre das nicht hören. Als er begann zu rennen, wurden die anderen Schritte auch schneller. Natürlich nützte es nichts, sagt Andre, was hätte es auch nützen sollen? Ich hatte keine Hose. Die drei – es waren drei, stellte sich dann heraus – kannten sich besser aus als Andre: Er bog ab, und war, er wusste selbst nicht genau wie, am Hafen herausgekommen: Man sah es nicht, sagte Andre, keine Kirchen, keine Lichter, es war dunkel, man roch nur: fischig, brackig, vergammeltes Hafenwasser. Ich konnte nicht mehr nach vorne, ich konnte nicht mehr flüchten. Die drei standen hinter ihm, Männer, Jungs eigentlich noch, nicht älter als Andre und ich: offene Hemden ohne Brusthaare, Goldkettchen, das alles.
Andre erzählte nichts über die Verhandlungen, letzlich aber dürfte er keine Chance gehabt haben: Ohne Hose und Geld mit dem Rücken zum Wasser, eingekreist von drei Jungs, die vielleicht nicht nur Goldkettchen hatten, sondern auch Messer. Außerdem, sagte Andre, wollten sie mich ja nicht ausrauben oder sowas, die haben ja ganz genau gesehen, dass ich nichts hatte. Die drei schlugen Andre ein Geschäft vor, ein ganz einfaches: Es gab eine Kirche in der Nähe, sie waren dort bekannt: Die Kirche nahm Straßenkinder für eine Nacht auf. Sie selbst konnten nicht dorthin, einmal waren sie für eine halbe Nacht dort gewesen, als man sie rausgeworfen hatte, sie hatten im Kreuzgang offen mit Gras gehandelt. Ein bisschen was, sagte Andre, war noch dort: Sie hatten es in einer alten Gruft versteckt, deren Grabplatte halb eingeschlagen war, ein Bischof war darauf abgebildet, der in einer Hand ein Schwert trug und in der anderen einen Olivenzweig. Ich sollte hingehen, sagte Andre, und einen auf ausgeraubter, verlorener Tourist machen, fiel mir ja auch nicht schwer. Ich sollte in die Gruft einsteigen und das Gras rausholen, als Belohnung hätten sie mit dann was abgegeben. Wenn dus nicht machst, sagte einer der drei, derjenige, der an der spitzen, der Andre zugewandten Ecke des Dreiecks stand, das sie bildeten, finden wir dich. Dann, sagte Andre, stießen sie mich ins Wasser. Nur, damit sie dir glauben, schrie einer Andre hinterher. Nun ja, , sagte Andre, ich schwamm da ein bisschen rum, es war kalt, und eklig, vor allem eklig, hast du schon mal versucht, nicht durch die Nase zu atmen, während du schwimmst? Es dauerte eine Weile, bis Andre eine Leiter fand, er kletterte darauf, und setzte sich in den Windschatten eines eines Häuschens, in dem eis verkauft wurde, tagsüber waren die Bilder der unterschiedlichen Stieleise wahrscheinlich bunt, jetzt, nachts, im Licht der orangenen Straßenlaternen, grau und kränklich. Das war, als mir die Idee kam, sagte Andre. Andre schwieg, und lächelte mich an, er versuchte eine Kunstpause, und platze dann, bevor sie richtig wirken konnte, heraus: Ich bin zu dieser Kirche. Ich hab ein bisschen geheult, weißt schon, hab einen auf armer, verirrter Tourist gemacht, gestunken habe ich auch. Die haben mich erstmal in ein Bett gesteckt. Da bin ich dann raus, und durch diese Gänge geschlichen, die Kirche, nachts, von draußen, durch diese Butzenscheiben, kam das Licht von diesen Schläuchen. Alles blinkte da drin. Aber ich hab die Gruft gefunden. Ich bin rein, das ging gerade so, hab mir dabei den Rücken aufgeschrammt. Da war niemand drin, keine Knochen oder so, nur ein weiches Päckchen. Die hab ich eingesteckt, und bin erstmal fast nicht wieder rausgekommen da. Hat wehgetan. Aber ich habs geschafft. Ich bin da raus. Und dann?, fragte ich. Bin ich hierher, sagte Adnre. Er zog sein Tshirt aus, und ich sah, dass er einen Plastikbeutel über Brust und Bauch geklebt hatte. Das sind, sagte er, mindestens 500 Gramm. Wir sollten hier verschwinden. Aber wollen wir erstmal frühstücken? Ich hab Hunger. 

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